
Herbst– Regenstürme über der erhitzten Mittelmeerregion sind vorhersehbar. Es wird auch wieder Bergrutsche in den Alpen und anderen Gebirgen geben, weil die Dauerfrostgebiete auftauen. Für all dies muss man keine Hellseherin sein. Die Erwärmung der Erde binnen weniger Jahrzehnte fordert ihren Tribut.
Während wir an diesem Gemeindebrief arbeiten, laufen in den Nachrichten Bilder von der zerstörerischen Schlamm– und Eis- Flutwelle in Nepal, die auf ihrem Weg durch ein enges Tal wie bei einem Tsunami alles mit sich reißt—Häuser, Autos, Brücken, Bäume, Menschen und Tiere. Wie entsetzlich. Was ist der Mensch plötzlich klein und machtlos angesichts der Naturgewalten. Erdbeben in Südamerika haben in den letzten Wochen auch großen Schaden angerichtet. In Frankreich, Belgien, Deutschland und anderen Ländern hat es in diesem Hitzesommer wieder Brände gegeben, viele Menschen haben ihr Hab und Gut verloren, Wälder wurden vernichtet.
Klimaveränderungen hat es schon früher gegeben—aber über Jahrtausende von Jahren hinweg. Es geht zu schnell, als dass wir uns anpassen könnten, dass klimabedingte Völkerwanderungen über Hunderte von Generationen hinweg stattfinden könnten. Manche Gebiete der Erde werden vielleicht bald nicht mehr bewohnbar sein. Nicht nur wegen Bürgerkriegen und Diktatoren.
Nein, sicher zu leben ist keine Selbstverständlichkeit. Immer wieder können wir in Nordfriesland froh sein, in einer von Krieg und Naturkatastrofen im Moment fast unbehelligten Region zu leben.
Wir feiern Erntedank. Angesichts mancher Katastrofen fragt so mancher, wo Gott da eigentlich seine Hand im Spiel hat. Kann man ihm danken für eine Natur, die für uns gefährlich ist? Angesichts so ungerechter Verteilung von Erntemöglichkeiten in unserer Welt: hat Gott das so gemacht? Was sagen die Leute in Nepal, in Bordeaux, im Südsudan und in Venezuela dazu? Wofür können die danken?
Dass das Leben, das Schicksal von Anfang an nicht „gerecht“ ist, ist eine urmenschliche Erfahrung. Wir werden alle nackt geboren, aber manche Babies haben einen goldenen Löffel im Mund, wie man so schön sagt, andere haben von Anfang an schlechte Chancen. Es ist meist nicht unser Verdienst, dass wir in Nordeuropa leben und einen deutschen Pass haben, mit dem man reisen kann, wohin man möchte.
Erntedank—das ist das Fest, wo wir uns bewusst machen und feiern, dass wir von der Natur leben, die Gott uns als Lebensgrundlage gegeben hat. Sie ist wunderschön und mächtig. In dieser Natur wirken wir Menschen und Gott zusammen. Sein Segen geht durch unsere Hände bei Saat und Ernte. Und auch durch die Hände der Bäckerinnen und Köche. Durch die Hände derer, die anderen helfen, zu leben und Chancen zu haben.
„Trachte zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird dir alles zufallen“, hat Jesus in der Bergpredigt gesagt (MT 6,33).
In einer ungerechten Welt Gleichgewicht herzustellen, ist eine unserer Aufgaben im Leben. Und auch wenn wir als Einzelne nicht die ganze Welt retten können: wir leben in einer Zeit, in der es auf Haltung ankommt. Schweigen und Passivität können wir uns in mehrfachen Hinsichten nicht leisten.
Jeder kann in seinem eigenen Umfeld, seinem Horizont, handeln und reden. Da, wo wir Kraft und Einfluss haben, da können wir was tun. Der eine mehr, die andere weniger.
Denn die Gaben, Talente und Reichweiten sind wiegesagt ungerecht verteilt